Arbeitgeber fordern seit langem, den 8‑Stunden-Tag abzuschaffen und das Arbeitszeitgesetz zu ändern. Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit soll nur noch eine wöchentliche gelten. Dadurch könnten 13‑Stunden-Schichten (inklusive Pausen) von der Ausnahme zur Regel werden – mit gravierenden Folgen für Beschäftigte. Das wäre ein Rückschritt auf Kosten der Beschäftigten, familienfeindlich und gesundheitsgefährdend.
Anfang des Jahres ließ mich eine Zahl aus dem DeutschlandTREND vom Februar 2026 zur Debatte um die Höchstarbeitszeit aufhorchen: 57 % antworteten mit „richtig“ auf die Frage:
„Aktuell wird diskutiert, statt der täglichen Höchstarbeitszeit eine wöchentliche Höchstarbeitszeit einzuführen, womit an einem Tag auch länger gearbeitet werden könnte als bislang. Ist dieser Vorschlag aus Ihrer Sicht richtig oder falsch?“
Wie kann das sein? Nur wenige Wochen zuvor waren die Ergebnisse des DGB-Index Gute Arbeit 2025 veröffentlicht worden. Dabei handelt es sich um eine jährlich durchgeführte repräsentative Befragung von rund 4.000 abhängig Beschäftigten aus allen Branchen, Berufs‑, Einkommens- und Altersgruppen sowie Regionen und Betriebsgrößen. Neben den Standardfragen zu Arbeitsbelastung, Einkommen und Ressourcen lag der Fokus 2025 auf dem Thema Arbeitszeit.
Herausgearbeitet wurde im Index, dass die große Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland (72 %) ihre tägliche Arbeitszeit auf maximal 8 Stunden begrenzen möchte. 98 % wollen nicht länger als 10 Stunden arbeiten. Besonders bemerkenswert: Selbst unter denjenigen, die den 8‑Stunden-Tag häufig oder sehr häufig überschreiten, würden 59 % ihn gerne einhalten – wenn sie selbst entscheiden könnten.
Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander
Zufrieden mit ihrer aktuellen wöchentlichen Arbeitszeit sind lediglich 40 % der Beschäftigten. 53 % wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Bei schlechten Arbeitsbedingungen steigt dieser Anteil sogar auf 72 %.
Der am häufigsten genannte Grund für die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit sind unflexible betriebliche Abläufe: 63 % nennen starre Strukturen als Hindernis für kürzere Arbeitszeiten. Zudem schaffen 60 % der Beschäftigten ihre Arbeitsmenge nicht in der vorgesehenen Zeit.
Gesundheitliche Folgen langer Arbeitszeiten sind messbar
In der Realität überschreiten mehr als 40 % der Beschäftigten den 8‑Stunden-Tag (sehr) häufig. Je öfter diese Grenze überschritten wird, desto gravierender sind die Folgen.
Beschäftigte, die sehr häufig länger als 8 Stunden arbeiten, können deutlich schlechter von der Arbeit abschalten (51 % gegenüber 21 % bei Einhaltung des 8‑Stunden-Tags). Sie fühlen sich doppelt so häufig nach der Arbeit leer und ausgebrannt (46 % gegenüber 23 %). Zudem wird die gesetzliche Ruhezeit fünfmal häufiger unterschritten (21 % gegenüber 4 %).
Auch die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben leidet erheblich: Während bei Einhaltung des 8‑Stunden-Tags nur 12 % von Problemen berichten, steigt dieser Anteil bei häufigen Überschreitungen auf 44 %. Besonders viele Beschäftigte (63 %) berichten von Schwierigkeiten, wenn Arbeitszeiten kurzfristig geändert werden.
Arbeitszeiterfassung als wirksames Schutzinstrument
Eine vollständige Erfassung der Arbeitszeit – rechtlich vorgeschrieben – wird lediglich von 70 % der Befragten berichtet. 23 % verfügen über keine Arbeitszeiterfassung, bei 7 % werden die Arbeitszeiten nur unvollständig erfasst.
Die Daten zeigen klar: Arbeitszeiterfassung wirkt als Schutzinstrument. Mit Erfassung arbeiten weniger Beschäftigte überlange Zeiten (6 % über 48 Stunden pro Woche gegenüber 11 % ohne Erfassung). Auch die Vereinbarkeit verbessert sich: Mit Erfassung berichten 23 % von Problemen, ohne Erfassung sind es 30 %. Beschäftigte ohne Arbeitszeiterfassung berichten zudem häufiger über Entgrenzungstendenzen.
Wie lässt sich die Zustimmung im DeutschlandTREND erklären?
Für die 57 % Zustimmung könnten mehrere Faktoren ausschlaggebend gewesen sein:
1. Die Stichprobe
Die Zustimmung kann durch die Überrepräsentation bestimmter Gruppen beeinflusst sein, etwa:
Wissensarbeiter mit hoher Autonomie → tendenziell pro Flexibilität
Beschäftigte in Industrie, Pflege oder Schichtarbeit → eher skeptisch
Da die genaue Struktur der Stichprobe nicht vollständig offengelegt ist, könnte insbesondere eine Unterrepräsentation belasteter Berufsgruppen das Ergebnis verzerren.
2. Die Fragestellung
Die Formulierung ist entscheidend:
„… statt der täglichen Höchstarbeitszeit eine wöchentliche Höchstarbeitszeit einzuführen, womit an einem Tag auch länger gearbeitet werden könnte …“
Die Frage signalisiert:
Das wird ernsthaft diskutiert
Es handelt sich um eine sachliche Anpassung
Der Vorschlag wirkt dadurch weniger wie ein Abbau von Schutzrechten, sondern eher wie eine technische Reform.
3. Flexibilitäts-Framing
Der Begriff „wöchentlich“ klingt nach mehr Freiraum und Selbstbestimmung. Dadurch entsteht eine verzerrte Wahrnehmung:
Vorteil sichtbar: längere Arbeitszeiten könnten zu kompakteren Wochen führen
Nachteil unsichtbar: steigender Druck, längere Arbeitstage
4. Zeitgeistfaktor
Die Vorstellung, das Arbeitszeitgesetz sei „aus der Zeit gefallen“, wird politisch und medial verbreitet.
Beispielsweise wird argumentiert:
Das Gesetz stehe den Wünschen der Beschäftigten entgegen
Es brauche mehr Flexibilität im Sinne des „Zeitgeists“
Solche Narrative beeinflussen Bewertungen, auch ohne direkte Betroffenheit.
5. Ökonomischer Druck
Für Niedriglohnbeschäftigte kann Flexibilität wie eine versteckte Möglichkeit wirken, mehr zu arbeiten und damit mehr zu verdienen.
Gleichzeitig wirken kommunikative Faktoren wie „Modernisierung“ und „Vereinbarkeit“, die von Arbeitgeber- und Regierungsseite aktiv gesetzt werden.
6. Zustimmung nach Parteipräferenz
Die Zustimmung ist in der politischen Mitte und bei konservativen Wähler:innen besonders hoch. Das hängt mit etablierten Narrativen zusammen, etwa zur Wettbewerbsfähigkeit und Modernisierung des Arbeitsmarktes.
Zugleich finden sich unter Wähler:innen von SPD und Grünen überdurchschnittlich viele Beschäftigte in wissensintensiven, urbanen und akademischen Milieus – Gruppen, die häufiger über hohe Zeitsouveränität und Homeoffice verfügen.
Neue Civey-Daten
Eine aktuelle Befragung des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Civey zeigt hingegen, dass die Ablehnung einer Änderung des Arbeitszeitgesetzes mit 43% Ablehnung zu 40% Zustimmung knapp überwiegt.
Ein differenzierter Blick auf Berufsstatusgruppen – Arbeiter:innen, Angestellte, leitende Angestellte und Beamte – zeigt hingegen deutliche Unterschiede in Zustimmung und Ablehnung. Während Arbeiter:innen den Plan der Bundesregierung zu 61% ablehnen, stimmen Beamt:innen zu 56% zu.
Das macht deutlich: Die Realitäten in den Arbeitswelten unterscheiden sich erheblich und müssen deshalb auch bei der Interpretation von Umfragen berücksichtigt werden.
Allzu vorschnell werden jedoch einzelne Umfragewerte als scheinbar eindeutige Wahrheiten öffentlich dargestellt – ohne die dahinterliegenden Unterschiede und Einflussfaktoren ausreichend zu berücksichtigen. Insbesondere im von Clickbaiting und Aufmerksamkeitsökonomie geprägten Diskurs in den Sozialen Netzwerken und den Talkshows, die mit Videoschnipseln, verkürzten Botschaften in die Sozialen Netzwerke und deren Logiken hineinwirken - sich gegenseitig verstärkend.
Für diejenigen, die wie im DGB-Index “Gute Arbeit” zu erkennen, von den Härten der tatsächlichen Arbeitsrealitäten getroffen werden, ist diese Diskurspraxis wertlos, denn sie verbessert die Realitäten nicht. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass es schlechter wird. Das kann niemand wollen.






